Zurück zur Photographie

Die Photographie, fast 200 Jahre alt, hat vor drei Jahrzehnten eine entscheidende Wende vollzogen, sie hat sich digitalisiert. Dass sie stets im Wandel ist, ist offensichtlich, dass sie aber den Boden der „Realität“ zusehends verlässt und in den Bereich der Virtualität vorstößt, ist schwer zu übersehen. John Herschel kreierte 1839 den Begriff: „Photographie“, eine altgriechische Wortschöpfung, wie es für einen humanistisch gebildete Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts Mode war, was erstens ‚Licht‘ und zweitens ‚einkerben, malen, schreiben‘ bedeutet. Legt man diese Bedeutung zugrunde, ist digitale Bilderzeugung keine Photographie, sondern Photometrie. Es wird nichts eingekerbt, sondern es wird gemessen, und das millionenfach und ständig wiederholbar.

In den 2000er-Jahren etablierten sich Digitalkameras und konnten in vielen Bereichen ihre traditionellen Vorgänger aus dem Markt drängen. Im letzten Jahrzehnt begann sich das Smartphone als vollwertiger Ersatz für die Kleinbildkamera zu etablieren. Fast jeder führt es heutzutage in der Hand- oder Hosentasche mit sich. Im vergangenen Jahrzehnt begannen sich Applikationen auf Smartphones vom Spaßfaktor zur Hauptattraktion zu entwickeln. Eine neue Geisteskrankheit greift um sich: Videotie, YouTube lässt grüßen.

Die Kameras für einen chemischen Film werden in ein paar Jahren verschwunden sein, prophezeit man. Die Produktfotografie, gerade im Bereich des Handels und der Wirtschaft, ist im Rückzug begriffen. Immer öfter ersetzen computergenerierte Bilder echte Fotos. 2006 tauchte erstmals eine Computerabbildung eines Möbelstücks in einem Katalog eines großen Möbelkonzerns auf. 2012 wurde bereits ein Viertel des Angebots nicht mehr per Foto, sondern mit digital gebastelten Bildern präsentiert. Nur zwei Jahre später lag der Anteil schon bei 75 Prozent. Das wurde möglich, da Hard- und Software immer besser wurden und Techniken wie Raytracing, um Renderings zu erschaffen, die zumindest auf den ersten Blick kaum von einem nachbearbeiteten Foto zu unterscheiden sind, eingebunden wurden.

Man bezeichnet die chemische Photographie heute als analoge. Es bedeutet – ähnlich, vergleichbar, gleichartig. Altgriechisch „análogos“ hat die Bedeutung von „entsprechend, verhältnismäßig“. Mancher vermutet, die CD sei schuld, sie löste die Schallplatte bei der Tonwiedergabe ab, die Aufnahme und Wiedergabe wurde jetzt digitalisiert.

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Das erste, computergenerierte Bild eines Möbelstücks ‚bertil‘ in einem Katalog von 2006

 

Wir müssen aber weit weiter zurückgehen, um das Wort analog richtig zu beurteilen. Im Mittelalter gab es Sonnenuhren auf allen Kirchtürmen. Die Zeitanzeige dieser Uhren kennen sie. Findige Schlosser und Schmiede bauten Anfang der Neuzeit mechanische Apparate, angetrieben von Gewichten, die in Kirchtürmen montiert, mit Zeigern die Zeit anzeigten. Diese Mechaniker mussten eine neue Art der Zeitdarstellung erfinden. Man orientierte sich an der alten Darstellungsweise, nur musste der Halbkreis der Sonnenuhr zu einem ganzen Kreis erweitert werden, da die Mechanik sich um eine Achse im Kreis dreht. 12 Uhr mittags weist der Zeiger nach wie vor nach oben, 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends zeigt er nach Osten, bzw. nach Westen. Es herrschte das geozentrische Weltbild, bei dem die Erde in der Mitte steht und die Sonne über den Himmel wandert. Nachtzeiten kannten die Sonnenuhren nicht, waren auch vor der Industrialisierung völlig unwichtig. Man nannte die neue Zeitanzeige ‚analog‘, weil der Zeiger den Weg der Sonne ‚ähnlich‘, wie man glaubte, um die Erde beschreibt. Diese Anzeige wurde bald durch die 12 Stundenanzeige mit 2 Zeigern abgelöst.

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24 Stundenuhr im Dom von Florenz

Mit dem Siegeszug der Quarzwerke Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde auch das Ziffernblatt revolutioniert. Die ziffernmäßige Darstellung der Zeit mit Flüssigkristallanzeigen (LCD) wurde „digital“ genannt.

Aber bitte, was hat das mit der Photographie zu tun? Ludwig Wittgenstein schreibt: „Die Bedeutung der Sprache ist ihr Gebrauch.“ Da kann man nichts machen, auch wenn es sinnlos ist, der Begriff „analog“ hat sich für die traditionelle, chemische Photographie durchgesetzt.

Ich benütze zwei Begriffe: Chemische Photographie und digitale Fotografie, die Unterscheidung durch „ph“ und „f“ sieht man, aber hört man nicht.

Die neuen elektronischen Verfahren der Bildaufzeichnung, -bearbeitung und                      -wiedergabe haben uns ungeahnte Möglichkeiten beim Umgang mit Bildern eröffnet. Eine Bilderlawine droht uns zu verschütten und jedwede Individualität zu vernichten.

Es steigt die Zahl der Kreativen, denen bewusst wird, dass sich, die aus diesen digitalen Techniken stammenden Bilder in ihrer äußeren Erscheinung einer absoluten Austauschbarkeit nähern und durch das Eingreifen künstlicher Intelligenz, die völlige Identifikation mit Bildern, als Ergebnis des eigenen kreativen Schaffens, verhindert wird. Der Platindruck und andere kunstfotographische Edeldruckverfahren, bei denen der Photograph sein Material, ausgehend vom handgeschöpften Papier bis hin zur Sensibilisierung mit Platin, Silber und Eisenoxalat selbst herstellt, geben uns die Photographie zurück: die Gewissheit ausschließlich mit eigenen Händen und eigenem Wissen, eigener Inspiration und Vorstellungskraft das Bild erschaffen zu haben.

Die Erfindung des Papiers

Zur Geschichte des Papiers nur so viel:

       Das Papier wurde 105 n. Chr., der Legende nach, durch Cai Lun am Chinesischen Kaiserhof erfunden. Er verwendete Hadern, Baumrinde und Fischernetze.

            Schon 500 Jahre n. Chr. hat man in China begonnen, Schriftstücke zu kopieren, indem nasses Papier auf bearbeitete Steine gedrückt wurde, um dieses im Anschluss mit Farbe zu bürsten. Diese Drucktechnik ist als Steindruck bekannt.

       Im 6. Jhd. n. Chr. kommt die Erfindung nach Japan. Dort stellt man eine Zellstoffpulpe aus der Rinde des Maulbeerbaums her.

Im 7. Jahrhundert entstand in Ostasien der Holzdruck (auch Blockdruck oder Holztafeldruck genannt), eine weitere Innovation. Man ritzte Zeichen spiegelverkehrt in einen Holzblock, bestrich diesen im Anschluss mit Farbe und drückte den Block auf Papier. Dieses Verfahren etablierte sich zur gängigen Technologie seinerzeit. Daneben ist aus dem Orient eine Technik bekannt, mit welcher mittels eines ähnlichen Verfahrens Textilien bedruckt wurden. Der Blockdruck wurde in Europa dagegen erst im 14. Jahrhundert verwendet.

       Die Araber entdecken 751 n. Chr. die Papierherstellung, indem sie Lumpen in Wasser einweichten und zerfaserten. Durch ein Sieb konnte man die Fasern wieder auffangen und das Wasser konnte abfließen.

Im 11. Jahrhundert kam das Papier durch die Araber nach Sizilien. Kaiser Friedrich II. verbot es, weil Insekten das Papier zerstörten. Es hat sich aber trotzdem durchgesetzt.

Eine besondere Erwähnung verdienen die italienischen Papiermacher von Fabriano nahe Ancona. Sie revolutionierten die Papierherstellung. Sie erfanden auch die Leimung mit tierischer Gelatine, Insekten ist sie ein Graus.

Im deutschsprachigen Raum war 1390 die Gleismühle in Nürnberg die Erste. Die erste Papiermühle in Österreich entstand 1469 in Stattersdorf bei St. Pölten.

Genaueres erfahren sie bei Wikipedia.

Die Geschichte der Photographie

Mit besonderer Berücksichtigung des Platindrucks und anderer photographischer Edeldruckverfahren

 

            In der Schule, die ich in Linz besuchte, werden die Absolventinnen und Absolventen nach der Matura von einem Photographen abgelichtet und die Bilder, in einem Rahmen hinter Glas im ersten Stock zwischen den Fenstern zum Innenhof, ausgestellt. Das erste Bild hängt dort seit 1896, schwarzweiß. Seit 1971 hängt dort ein Bild, das auch mich mit meinen Jahrgangskollegen zeigt, schwarzweiß.

1992 besuchte ich mit meinem Sohn die Schule. Er hatte sie für seine Weiterbildung in die engere Wahl gezogen. Ich zeigte ihm unter anderem die Bilder der Absolventen. Mit besonderem Stolz das Bild, das mich mit 18 Jahren im Anzug zeigt. Als wir die Reihe weitergingen, machten wir aber eine traurige Entdeckung. Die Bilder ca. ab 1980, scheinbar mit Farbfilmen aufgenommen, hatten ihre Farbe verloren und nur mehr schemenhaft waren Gestalten zu erkennen. Die Farbstoffe waren ausgeblichen.

Als mein Sohn im Jahr 2000 maturierte, bat mich sein Klassenvorstand, ein Gruppenbild in altbewährter Schwarzweißtechnik anzufertigen. Er traue den Fotografenmeistern nicht mehr, sagte er, das Verblassen der Bilder hatte ihn grundlegend verunsichert. Ich photographierte die Klasse auf Schwarzweißfilm, vergrößerte auf Barytpapier und gab das Bild zusätzlich in einen Schwefeltoner, der die Haltbarkeit der Bromsilberabzüge auf mindestens 100 Jahre erhöht.

Mittlerweile weiß man, Farbstoffe sind flüchtig und verschwinden, wenn sie dem Tageslicht ausgesetzt sind. 2004 hat Epson die Pigmenttinten entwickelt, seither wird die Haltbarkeit von solchen, im Tintenstrahldruck erzeugten Farbbilder mit 30 bis 50 Jahren angegeben. Meine Erfahrung ist, dass diese Bilder, wenn sie ständigem Tageslicht (nicht direktem Sonnenlicht) ausgesetzt sind, schon nach 8 Jahren zu verblassen beginnen.

Dass Farbpigmente lange haltbar sind, vermuteten schon die Neandertaler. Sie verwendeten Eisenoxide für die Farbe Ocker. Auch bei der Kallitypie und beim Platindruck begegnen wir dem Eisenoxid wieder. Das folgende Bild aus der Cueva de los Aviones auf Sulawesi, Indonesien ist das derzeit älteste, bekannte vom Menschen geschaffene Gemälde. Es ist 45 500 Jahre alt. Was ebenso bemerkenswert ist, die Handbilder links oben sind Negativdrucke. Ocker wurde wahrscheinlich durch einen Röhrenknochen mit dem Mund über die Hand gesprüht. Die Fähigkeit zur Herstellung von zweidimensionalen Bildern ist eine gewaltige, geistige Leistung, die mit der Erfindung des Rades verglichen werden kann.

Nach den ersten Handdrucken in den Höhlen mehrerer Erdteile hatten die Druckverfahren eine längere Pause in der Kunstgeschichte. Erst in Ägypten, circa 1300 v. Chr., ging die Geschichte mit dem Stempeldruck bzw. Siegeldruck weiter, dessen Technik im Römischen Reich weiterentwickelt wurde. Bei diesem Verfahren bestanden die Stempel aus Stein- oder Tonplatten, in welche Zeichen eingraviert waren, die hauptsächlich der Beurkundung dienten.

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Warzenschwein in der Kalkstein-Höhle Leang-Tedongnge mit Handdrucken

 

Schon vor der Erfindung der Photographie gelang es 1826 Johann Wolfgang Doebereiner, Platinchlorid durch Lichteinwirkung aus einer Lösung zu reduzieren. Nicéphore Niépce war ein französischer Erfinder. Er entwickelte die Heliografie, die weltweit erste fotografische Technik. Von ihm stammt die erste in einer Kopie erhaltene Fotografie. Nach aufwendigen Experimenten nahm er im Frühherbst 1826 in Saint-Loup-de-Varennes die vermutlich erste, lichtbeständige Fotografie der Welt auf: einen Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im Gutshof Le Gras mit einer Belichtungszeit von acht Stunden im Format 16,5 × 21 cm. Dazu verwendete er eine Camera obscura und als chemische Substanz eine Beschichtung aus Asphalt mit lichtempfindlichen Uransalzen. Diese härtet unter Lichteinwirkung aus und wurde mit Lavendelöl entwickelt. Fixieren konnte er das Bild längerfristig nicht. Niépce nannte sein Verfahren Heliografie (aus altgr. Ἥλιος, transkr. helios = Sonne und γράφειν, transkr. graphein = einkerben, zeichnen, abbilden) und begann 1829 einen Briefwechsel mit Louis Daguerre, um sich über die kommerzielle Verwertbarkeit der Erfindung und über neue chemische Verfahren auszutauschen.

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Blick aus dem Fenster in Le Gras 1826 Rekonstruktion 1952

 

John Herschel, der Hofastronom am englischen Königshof in London war auch ein hochqualifizierter Chemiker. Schon im Jahr 1819 entdeckte er das Lösungsvermögen von Hyposulfinatron, für die ansonsten unlöslichen Silbersalze war das der Auftakt als Fixiermittel später in der Photographie. Er erfand 1839 unabhängig von Henry Fox Talbot das Verfahren der Fotografie auf sensibilisiertem Papier. Er war der Erste, der die heute wohlbekannten Begriffe „Photographie“, „Positiv“ und „Negativ“ auf derartig hergestellte Bilder anwandte. Ebenso, dass er sie auf Glas prägte, das durch die Abscheidung eines lichtempfindlichen Films vorbereitet wurde. Das Platindruckverfahren beruht auf der von John Herschel um 1832 entdeckten Lichtempfindlichkeit des Kaliumtetrachloridoplatinats, die alte Bezeichnung lautet Platinchlorür. Eine Umsetzung dieser Lichtempfindlichkeit in ein photographisches Verfahren, also die Herstellung eines lichtbeständigen Lichtbildes, gelang aber erst Willis im Jahr 1873. Um seine Erfindung auch wirtschaftlich zu nutzen, gründete William Willis im Herbst 1879 die Platinotype Company und stellte kurz danach die ersten im Handel erhältlichen Platinpapiere her. Zunächst handelte es sich hierbei um Papiere für das Heißentwicklungsverfahren, 1892 wurden jedoch auch Kalt­entwicklungspapiere eingeführt. Die Platinotype Company besaß wegen ihrer hochwertigen Produkte einen ausgezeichneten Ruf. Ihre Materialien wurden in Amerika durch die Firma Willis & Clements in Philadelphia vertrieben. Das von William Willis entwickelte Verfahren erfreute sich großer Beliebtheit und war für seine satten Schwarztöne, stufenlosen Tonwertübergänge und lange Haltbarkeit bekannt.

Die beste Anleitung Papiere selbst zu sensibilisieren, lieferten ab 1882 zwei österreichische Offiziere: Arthur Hübl und Guiseppe Pizzighelli mit „Platinotypie“ und „Der Platindruck“ (Hübl), zwei Werke, die als beste Anleitung in deutscher Sprache angesehen werden können. Das Verfahren war für Porträtfotografen im Atelier prädestiniert, doch der Beginn des Ersten Weltkrieges ließ die Methode bis in die Zwischenkriegszeit verschwinden.

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Sir John Herschel, 1867 photographiert von Julia Margret Cameron

 

Beim Platindruck macht man sich eine Reduktionsreaktion zwischen Platin und lichtempfindlichen Metallsalzen zunutze. Das Papier wird mit einer Mischung aus Oxalsäure, Eisen(lll)-chlorid und Kaliumtetrachloridplatinat behandelt. Unter Einwirkung von UV-Strahlung wird Eisen(lll)chlorid zu oxalsaurem Eisen(II)oxyd reduziert, welches seinerseits in der Lage ist, die Platinsalze, die in der Kaliumverbindung gebunden sind, zu reduzieren, die als metallisches Platin, auch Platinschwarz genannt, ausfallen und sich direkt in die Papierfaser einbetten. Anschließend wird das Bild geklärt und gewässert.

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Männlicher Akt von hinten, G. Pizzighelli & Artur B. Hübl 1882 Albertina

 

Wenn das Verfahren bereits vor über 140 Jahren erfolgreich angewandt wurde, warum müssen wir heutzutage digitale Verfahren in den Arbeitsablauf einbauen, wenn es damals auch ohne Digitalisierung ging? Der Grund liegt im Fortschritt der Kameratechnik. Bei dem durch Platindruck entstandenen Bild handelt es sich um einen Kontaktabzug. Das heißt, das fertige Bild ist nur so groß wie das Negativ, welches zur Belichtung auf das Papier gedruckt wird.

Die hölzernen Plattenkameras des 19. Jahrhunderts hatten so große Glasplattennegative, dass sie von mehreren Männern transportiert werden mussten. Aus diesen wurden im 20. Jahrhundert Fachkameras mit Planfilm, aus denen man auch ohne Vergrößerung einen perfekten Kontaktabzug erstellen konnte. Die Planfilme gab es in verschiedenen Größen bis 50,8 x 61 cm für das Fotoatelier. Diese Balgenkameras sind jedoch, durch die Erfindung des Rollfilms, des Vergrößerers, des Kleinbilds bis hin zur digitalen Fotografie, nur mehr im Museum zu bestaunen. Das notwendige Filmmaterial ist auch nicht mehr verfügbar.

 In der chemischen Photographie haben sich der Rollfilm und der Kleinbildfilm durchgesetzt. Es sind die gängigen Formate, 6 x 6 cm, 6 x 9 cm vom Rollfilm oder das Kleinbild mit 36 x 24 mm. Für Kontaktabzüge sind diese Formate ungeeignet, da durch die gegebene Größe nur Miniaturbilder möglich sind und die vorhandene Auflösung durch die Kontaktbelichtung nur wenige Details sichtbar werden.

Als Ausgangsmaterial verwende ich ein vorher belichtetes Schwarzweißnegativ, aus dem Grund, weil ich einen realen Lichtabdruck auf einem Negativ erzeugen will, der durch chemische Behandlung zum Vorschein kommt. Digitale Dateien sind kein Lichtabdruck, sondern millionenfache Messwerte des Objekts, die im Computer mit einem Grafikprogramm in ein zweidimensionales Bild am Bildschirm verwandelt wird. Für das „echte“ Negativ nutze ich dann die neuen, digitalen Möglichkeiten, um ein in der Größe passendes, digitales Negativ herstellen zu können. Dabei versuche ich mithilfe einer speziellen Gradationskurve den Tonwert des vergrößerten Negativs an die Sensibilisierung des handgeschöpften, beschichteten Papiers anzupassen, um die passenden Tiefen zu finden, die ich auf das Negativ drucke, damit das Platinbild durch Kontakt und UV-Licht keine Details verliert und perfekt wird.

Da dem Platindruck ein komplexer chemischer Prozess zugrunde liegt, muss jede einzelne Komponente in ihren Eigenschaften aufeinander abgestimmt sein. Die kleinsten Abweichungen können zu Misserfolgen führen.

Eine zweite Möglichkeit bietet die Kallitypie. Sie basiert auf dem bereits aus dem Jahr 1850 bekannten Argentotypieprozess. Hier wird Silbernitrat (mittels lichtempfindlicher Eisensalze) in metallisches Silber umgewandelt. Die Rezeptur für die Kallitypie ist mehrfach verändert worden. Ein beliebtes Verfahren ist das auf Arbeiten von John Herschel zurückzuführende Van-Dyke-Braun.

Mit der Kallitypie lassen sich ähnlich gute Ergebnisse erzielen, wie mit dem weitaus teureren Platin-Palladium-Druck, was dazu führte, dass es sich bei vielen als Platin-Palladium-Drucken ausgegebenen Abzügen tatsächlich um Kallitypien mit Platin- oder auch Goldtonung handelt.

Die Ähnlichkeit von Kallitypien mit Platin-Palladium-Drucken wird vor allem bei Rezepturen erreicht, welche Eisen(III)-oxalat als lichtempfindliche Substanz benutzen und nach dem Auskopieren ausentwickelt werden. Dieser Prozess ist im Wesentlichen analog zum Platin-Palladium-Druck, die zusätzlich mit Platin bzw. Palladiumtonern getont werden. Dabei unterscheidet sich der Prozess nur durch den zusätzlichen Zwischenschritt des Silberbildes und den erheblich verminderten Einsatz der teuren Edelmetalle Platin bzw. Palladium. Ich benutze den Palladiumdruck nicht, da seine Lichtbeständigkeit von Luis Nadeau in Frage gestellt wird.

Durch den Ersten Weltkrieg verschwanden der Platindruck und die zugehörige Papierherstellung in Manufakturen gänzlich. Alfred Stieglitz, der berühmte amerikanische Photograph, der das Leben in den Hinterhöfen porträtierte, verwendete in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts den Palladiumdruck. Von Problemen mit der Haltbarkeit dieser Bilder berichtet uns Luis Nadeau. Ihm verdanke ich wesentliche Hinweise für die Durchführung und Anwendung des Platindrucks und der Platinkallitypie. Sein Standardwerk: Geschichte und Praxis des Platindrucks

In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts begann in den USA eine Renaissance des Platindrucks. Die ersten, die mit digital erstellten Negativen arbeiteten, waren Dan Burkholder, Mark Nelson und Dick Arentz. In den USA und Kanada ist das Erstellen von Platin- und Palladiumdrucken im Hochschulbereich für Studenten der Photographie obligatorisch. Hochzeits- und Porträtfotografen verwenden dieses Verfahren häufig, gilt es doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten als edel, kostbar und ewig haltbar. Platin ist teuer, weil es das seltenste Edelmetall der Welt ist. Ein Drittel des weltweiten Verbrauchs verwendet die Schmuckindustrie, ein Drittel die Zahnmedizin für Prothesen und ein Drittel die Autoindustrie für Katalysatoren. Die für photochemische Produkte benötigte Menge ist so gering, dass sie nicht extra ausgewiesen wird. Aber die genannten Verbraucher trieben den Preis in den letzten Jahrzehnten stark in die Höhe. Ein deutscher Photochemiehändler hat die Chemikalien für Platin- und Palladiumdruck wegen der horrenden Preise seit drei Jahren aus dem Sortiment genommen. Marktführer bei Platin- und Palladiumchemie ist Bostick&Sullivan in San Francisco. Ihre Preise sind stolz, aber noch stolzer ist der Preis für die Zustellung nach Europa. In Deutschland gibt es noch einen Chemiehändler, der aber auch zu sehr hohen Preisen anbietet. Dessen Produktdeklaration ist außerdem sehr undurchsichtig. Ich habe in Italien eingekauft und bin durchaus zufrieden.

Morituri de salutant

Die Todgeweihten grüßen dich

 

Durch das Auftreten der Coronapandemie ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt geworden, dass die Oleae europaeae, die europäischen Ölbäume, in bestimmten Regionen im Sterben liegen.

Die Ausbreitung der Seuche bewegt sich vom Süden Italiens nach Norden. Xylella fastitidosa, das Feuerbrandbakterium, bringt sie um. Das bereits seit 2008, wie man heute weiß. Es hilft nur das Anpflanzen neuer resistenter Sorten. Es gilt die Jahrhundertalten vor dem Verschwinden zu würdigen und ihnen ein Denkmal zu setzten. Die 500 Jahre alten Wesen sollen auf Bildern verewigt werden, die auch eine Sichtbarkeit von 500 Jahren garantieren.

Die kulturgeschichtliche Würdigung von Olea europaea ist mir ein besonders Bedürfnis. Ihre Bedeutung durch die Veränderung der Ernährung im alten Griechenland ist enorm, aber noch nicht ausreichend erforscht worden. Meine These: das Olivenöl hatte einen großen Einfluss auf die Entstehung der Philosophie, der Architektur, des Theaters, der Literatur, vor allem aber der Demokratie und der menschlichen Kultur überhaupt, weil durch ihr Öl wesentlich mehr Menschen ihren Kopf frei hatten für die geistigen Dinge und nicht für die Ernährungssicherheit arbeiten mussten. Diese Arbeit machten damals die Sklaven und Metöken, Menschen zweiter Klasse. Andrerseits war der Konsumzwang noch nicht erfunden. Athen hatte damals 20 000 Bürger, 200 000 Sklaven hielten das Ganze in Gang. Das Verhältnis war also 10:90. 1870 in Frankreich war das Verhältnis trotz Industrialisierung erst bei 25 : 75.

Diese Explosion des menschlichen Geistes ereignete sich in der Magna Graeca, in den griechischen Kolonien der Mittelmeerküste, von Marseille bis Milet, aber besonders in Athen des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, in der Stadt, in der der Olivenbaum heilig war. Perikles muss dabei besonders erwähnt werden. Diese griechische Kultur hat damals geistig und wirtschaftlich Europa erfunden. Die athenische Demokratie hatte schon damals gegen Tyrannentum und Oligarchien zu kämpfen, das ist keine Erfindung der Neuzeit.

Agaton startete ein Projekt, auf dass die alten Bäume verewigt werden. 2014, von Xylella wusste ich noch nichts, reiste ich nach Sardinien und photographierte mit Schwarzweißfilm die uralten Olivenbäume, um sie festzuhalten. 2019 war ich längere Zeit in Sizilien, von Xylella wusste ich auch noch wenig. 2022 führte ich eine dreiwöchige Reise durch Apulien durch. Derzeit habe ich über 100 Negative im Mittelformat von Olivenbäumen entwickelt.

Jedes Negativ wird im Agaton-Verlag, Attnang bearbeitet und auf das Format 40x60cm digital vergrößert. Hier werden auch die Platindrucke und die Rahmung durchgeführt. Das Papier stammt aus der Handschöpferei Huemer, Laakirchen. Die SW-Negative, 6x6 cm, auf Ilford FP4, werden in einem Filmscanner digitalisiert und mit einem Tintenstrahldrucker auf Screenfilm 40x60 cm mit der passenden Gradation vergrößert ausgedruckt. Diese werden auf handgeschöpftem Büttenpapier im Silberplatindruck oder Platindruck mit UV-Licht kontaktkopiert. Der Platindruck garantiert eine Haltbarkeit von mehreren Jahrhunderten.

Jedes Bild hat auf der Rückseite eine Tasche, in der das originale Negativ und das digitale Negativ stecken, damit ist die Einmaligkeit des Abzugs gewährleistet. Die Datei am Computer wird vernichtet.

Für das Rahmenwerk sorgt die Tischlerei von ProMente Vöcklabruck

Literatur:

Josef Pizzighelli, Artur Baron Hübl: Die Platinotypie. Wien und Leipzig, 1883

Guiseppe Pizzighelli: Anleitung zur Photographie. Verlag Wilhelm Knapp, Halle a. S., 1908

Heidtmann, Frank: Kunstphotographische Edeldruckverfahren heute. Berlin Verlag, Berlin, 1982

Nadeau, Luis: Geschichte und Praxis des Platindrucks. Lindemanns Verlag, 1993

Die Todgeweihten grüßen dich

 

Durch das Auftreten der Coronapandemie ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt geworden, dass die Oleae europaeae, die europäischen Ölbäume, in bestimmten Regionen im Sterben liegen.

Die Ausbreitung der Seuche bewegt sich vom Süden Italiens nach Norden. Xylella fastitidosa, das Feuerbrandbakterium, bringt sie um. Das bereits seit 2008, wie man heute weiß. Es hilft nur das Anpflanzen neuer resistenter Sorten. Es gilt die Jahrhundertalten vor dem Verschwinden zu würdigen und ihnen ein Denkmal zu setzten. Die 500 Jahre alten Wesen sollen auf Bildern verewigt werden, die auch eine Sichtbarkeit von 500 Jahren garantieren.

Die kulturgeschichtliche Würdigung von Olea europaea ist mir ein besonders Bedürfnis. Ihre Bedeutung durch die Veränderung der Ernährung im alten Griechenland ist enorm, aber noch nicht ausreichend erforscht worden. Meine These: das Olivenöl hatte einen großen Einfluss auf die Entstehung der Philosophie, der Architektur, des Theaters, der Literatur, vor allem aber der Demokratie und der menschlichen Kultur überhaupt, weil durch ihr Öl wesentlich mehr Menschen ihren Kopf frei hatten für die geistigen Dinge und nicht für die Ernährungssicherheit arbeiten mussten. Diese Arbeit machten damals die Sklaven und Metöken, Menschen zweiter Klasse. Andrerseits war der Konsumzwang noch nicht erfunden. Athen hatte damals 20 000 Bürger, 200 000 Sklaven hielten das Ganze in Gang. Das Verhältnis war also 10:90. 1870 in Frankreich war das Verhältnis trotz Industrialisierung erst bei 25 : 75.

Diese Explosion des menschlichen Geistes ereignete sich in der Magna Graeca, in den griechischen Kolonien der Mittelmeerküste, von Marseille bis Milet, aber besonders in Athen des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, in der Stadt, in der der Olivenbaum heilig war. Perikles muss dabei besonders erwähnt werden. Diese griechische Kultur hat damals geistig und wirtschaftlich Europa erfunden. Die athenische Demokratie hatte schon damals gegen Tyrannentum und Oligarchien zu kämpfen, das ist keine Erfindung der Neuzeit.

Agaton startete ein Projekt, auf dass die alten Bäume verewigt werden. 2014, von Xylella wusste ich noch nichts, reiste ich nach Sardinien und photographierte mit Schwarzweißfilm die uralten Olivenbäume, um sie festzuhalten. 2019 war ich längere Zeit in Sizilien, von Xylella wusste ich auch noch wenig. 2022 führte ich eine dreiwöchige Reise durch Apulien durch. Derzeit habe ich über 100 Negative im Mittelformat von Olivenbäumen entwickelt.

Jedes Negativ wird im Agaton-Verlag, Attnang bearbeitet und auf das Format 40x60cm digital vergrößert. Hier werden auch die Platindrucke und die Rahmung durchgeführt. Das Papier stammt aus der Handschöpferei Huemer, Laakirchen. Die SW-Negative, 6x6 cm, auf Ilford FP4, werden in einem Filmscanner digitalisiert und mit einem Tintenstrahldrucker auf Screenfilm 40x60 cm mit der passenden Gradation vergrößert ausgedruckt. Diese werden auf handgeschöpftem Büttenpapier im Silberplatindruck oder Platindruck mit UV-Licht kontaktkopiert. Der Platindruck garantiert eine Haltbarkeit von mehreren Jahrhunderten.

Jedes Bild hat auf der Rückseite eine Tasche, in der das originale Negativ und das digitale Negativ stecken, damit ist die Einmaligkeit des Abzugs gewährleistet. Die Datei am Computer wird vernichtet.

Für das Rahmenwerk sorgt die Tischlerei von ProMente Vöcklabruck

Literatur:

Josef Pizzighelli, Artur Baron Hübl: Die Platinotypie. Wien und Leipzig, 1883

Guiseppe Pizzighelli: Anleitung zur Photographie. Verlag Wilhelm Knapp, Halle a. S., 1908

Heidtmann, Frank: Kunstphotographische Edeldruckverfahren heute. Berlin Verlag, Berlin, 1982

Nadeau, Luis: Geschichte und Praxis des Platindrucks. Lindemanns Verlag, 1993

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Olivastro millenario, Sardinien, 2014     Agaton 

Karl Klinglmüller